Nach zehnjährigem Rechtstreit um den Vorwurf, ob die Antennen des weltweit sendenden Radio Vatikan die Krebserkrankungsrate in ihrer direkten Umgebung erhöhen, bestätigte nun eine von einem römischen Gericht beauftragte Studie einen signifikanten ursächlichen Zusammenhang. Der Vatikan weist jegliche Schuld zurück und beruft sich auf die Einhaltung der italienischen und internationalen Grenzwerte für elektromagnetische Strahlung.
Ca. 25 km nördlich von Rom betreibt der Vatikan auf einem ihm gehörenden exterritorialen Gelände 60 zum Teil bis zu 100 Meter hohe Radiostationen. Zugleich stellen Experten und Betroffene in den Dörfern und Gemeinden rund um die Anlagen seit mindestens 10 Jahren eine auffallende Häufung von Krebstumoren und Leukämie bei Kindern fest, die in direkter Nähe zu den Transmittern leben. Eine Verbindung wurde vom Vatikan vor Gericht bisher jedoch stets erfolgreich bestritten. Von dem Ergebnis der neuerlichen Untersuchung zeigen die Kirchenvertreter völlig überrascht und wollen alsbald ein gegenteiliges Gutachten vorlegen.
“Radio Vatikan hält sich an die italienischen und internationalen Grenzwerte für elektromagnetische Emissionen. Die Wissenschaft hat keineswegs festgestellt, dass Elektrosmog negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit hat”, kommentierte der vatikanische Pressesprecher, Pater Federico Lombardi, ehemaliger Direktor von Radio Vatikan, die Vorwürfe.
Indes gelangt die aktuelle Expertise zu dem Resultat, dass es eine “schlüssige und signifikante Verbindung zwischen den Erkrankungen und den Sendeanlagen des vatikanischen Radios“ gibt, so die Tageszeitung „La Stampa“. Damit beweise das Gutachten von Andrea Micheli nach fünfjährigen Studien eindeutig, dass der vom Sendemast des katholischen Kirchensenders verursachte Elektrosmog für einen Anstieg von Krebserkrankungen bei Kindern in den Gemeinden nördlich von Rom verantwortlich ist.
Die Zahl der Leukämiefälle in der Gemeinde Cesano und den angrenzenden Orten stehen demnach mit den elektromagnetischen Emissionen des Radiosenders in direkter Verbindung. Überprüft wurden Fälle von 19 Kindern ab den 80er Jahren und 2003, die an Leukämie oder bösartigen Tumoren gestorben waren.
Warnungen wurden schlicht ignoriert
Bewohner aus der Umgebung des Vatikans hatten in den vergangenen Jahren immer wieder beklagt, die Sender würden den Radio- und Telefonempfang stören. Sendungen von Radio Vatikan seien im Telefon oder in der Gegensprechanlage zu hören gewesen; selbst Kühlschränke verkündeten plötzlich die frohe Botschaft. Weihnachtsbäume leuchteten auf wundersame Weise auf, ohne dass jemand die Lichter angemacht hätte.
Seit langem warnen Umweltforscher, dass Elektrosmog Krebs verursacht. Bestätigung finden ihre Cassandrarufe nun auf traurige Art und Weise in dem zum Sendegelände Santa Maria di Galeria nahegelegenen Ort Cesano. Dort sollen bereits vor einem Jahrzehnt 60 Prozent aller Todesfälle durch Krebs verursacht gewesen sein. Der Vatikan verschloss sich diesen Vorwürfen, bis die italienische Regierung im März 2001 mit Stromabschaltung drohte. Danach verringerte der Vatikan durch Verlagerung von Sendern die Emissionen, lehnt aber weiterhin einen Zusammenhang zwischen den Sendern und den Krebserkrankungen als wissenschaftlich unbewiesen ab.
Versagen von Justiz und Wissenschaft
Ebenso schwelt der Rechtstreit zwischen betroffenen Anwohnern und dem Vatikan nun seit über einem Jahrzehnt. Erstmals wurde 1999 durch eine Messung festgestellt, dass der Vatikan die Grenzwerte für Elektrosmog mit dem Faktor 2 überschritten hatte, also doppelt so stark sendete, wie erlaubt. Nach zweijähriger Ermittlungsarbeit klagte die römische Staatsanwaltschaft daraufhin den Vatikan im sogenannten „kurzwelligen Photonenwurf“-Prozess Ende 2001 an.
Gleich zu Prozessbeginn brachten die Anwälte des Vatikans einen Einwand gegen die Zuständigkeit des italienischen Gerichts ein und beriefen sich dabei auf die 1929 geschlossenen Staatsverträge zwischen dem Vatikan und Italien, die Prozesse gegen offizielle Vertreter des Kirchenstaates nicht zulassen. Am 20.Februar 2002 wurde schließlich durch einen römischen Richter die italienische Justiz für diesen Fall als nicht zuständig erklärt, da der Boden, auf dem die Anlage stehe, exterritoriales vatikanisches Gebiet sei.
Damit waren die Bemühungen Radio Vatikan vor Gericht zu bringen zunächst stark gesunken. Allerdings wurde dieser Richterspruch im April 2003 in nächster Instanz widerrufen und schließlich fand im Mai 2005 dann doch eine Gerichtsverhandlung statt. Der Generaldirektor des Senders, Pasquale Borromeo, und der Präsident des Verwaltungskomitees von Radio Vatikan, Roberto Tucci, wurden in erster Instanz zu zehn Tagen Haft verurteilt. 2007 endete der Berufungsprozess in zweiter Instanz jedoch mit einem Freispruch für die Angeklagten.
Kaum zu glauben – denn eigentlich hatte bereits eine im Juni 2002 veröffentlichte Untersuchung (Michelozzi et. al.) eine erhöhte Erkrankungsrate bzgl. des Auftretens von Kinder- und Erwachsenenleukämie im Umkreis von 10km um den Sender ergeben. Allerdings waren die aufgetretenen Fälle von der Anzahl her zu gering, um wirklich aussagefähig zu sein. Beispielsweise traten im Umkreis von 2km bei Männern 2 Erkrankungen auf, gegenüber 0,7 zu erwartenden oder im Umkreis von 6km bei Kindern 8 Erkrankungen, gegenüber 3,7 zu erwartenden.
Dass nun doch noch auf ein rechtskräftiges Urteil gegen die Betreiber von Radio Vatikan gehofft werden darf, grenzt nahezu an ein Wunder und zeigt zugleich auf, wie schwer es ist, trotz einschlägiger Beweise für die kanzerogene Wirkung von Elektrosmog, vor Gericht Recht zu bekommen. Das Problem scheint generell weniger an der unzweifelhaften Aussagekraft der erhobenen Daten zu liegen, als an den kaum zu überwindenden bürokratischen Hürden der Justiz sowie an einer von Industrie-Lobbyismus durchtränkten Ordnungspolitik. Nicht zuletzt steht aber auch die Wissenschaft in der Kritik, die offenbar erst Tote zählen muss, bevor sie eine sichere Aussage treffen kann. Der gesunde Menschenverstand bleibt dabei völlig auf der Strecke.
