Arzneimittelwirkstoffe im Wasserkreislauf gefährden Mensch und Umwelt

Dass Rückstände von Medikamenten in die Umwelt und dadurch auch in das Trinkwasser gelangen können, ist schon länger bekannt. Über die Auswirkungen dieses Umstands auf den Menschen kam bisher jedoch nur wenig an die Öffentlichkeit. Jetzt legte der amerikanische Krebsausschuss (PCP) US-Präsident Obama seinen Jahresbericht über die Krebssituation in den Vereinigten Staaten vor. Im Mittelpunkt standen dabei Umweltgifte, die das Krebsrisiko nachweislich erhöhen. Dem Bericht nach geht von Medikamenten eine zunehmende Bedrohung aus, da sie sich allmählich in Gewässern und Wasserversorgungssystemen weltweit anreichern und diese nachhaltig kontaminieren.

In den letzten Jahren häuften sich die Meldungen über die Verunreinigung von Flüssen, Seen und anderen Wasserwegen durch Arzneimittelbelastungen. Zwar wiegelten Pharma- und Chemieindustrie stets geschlossen ab und verwiesen auf die extrem niedrigen Konzentrationen im Wasser, die angeblich keinerlei Risiko darstellen. Doch der neue Bericht des amerikanischen Krebsausschusses warnt nun eindringlich vor den Gefahren, die durch Arzneimittel verursacht werden.

In der Zusammenfassung des PCP-Berichts heißt es wortwörtlich: „Arzneimittel sind eine erhebliche Quelle der Umweltverschmutzung geworden. Substanzen aller Arten werden in die Wasserversorgung eingespeist, wenn sie entweder ausgeschieden oder falsch entsorgt werden; die Auswirkungen auf die Gesundheit bei längerer Belastung durch unterschiedliche Mischungen dieser Substanzen sind unbekannt.“

Grundsätzlich ist der PCP gesetzlich dazu verpflichtet, wahrheitsgemäß über die verschiedenen Faktoren zu berichten, die im Verdacht stehen, Krebs zu verursachen. Seine Ausführungen haben in der Wissenschaftsgemeinschaft großes Gewicht, nicht zuletzt weil er direkt dem nationalen Krebsinstitut angeschlossen ist.

Neben der Umweltbelastung durch Pestizide, Mobiltelefone und Rückständen aus Atomtests weist der Bericht im Abschnitt über die Verschmutzung durch Medikamente zahlreiche Arzneimittel aus, die in der Regel von den Wasseraufbereitungsanlagen der Städte und Gemeinden bis heute nicht herausgefiltert werden können. Darunter befinden sich Antidepressiva, Medikamente gegen Bluthochdruck und Diabetes, Antiepileptika, orale Verhütungsmittel, Hormonpräparate, Chemotherapeutika, Antibiotika, Herzmedikamente und Kodein – um nur einige weinige zu nennen.

Situation außer Kontrolle

Völlig unklar hingegen gestaltet sich die Lage bei vielen anderen Substanzen, denn niemand weiß, ob überhaupt und wenn ja, in welchen Mengen sie im Trinkwasser vorkommen. Dazu fehlen bisher nämlich schlicht und einfach die Analyse-Methoden. Nur 180 Arznei-Inhaltsstoffe können bisher nachgewiesen werden. Im Vergleich zu den 3000 zugelassenen Wirksubstanzen stellen diese jedoch nur einen kleinen Bruchteil dar. Noch unübersichtlicher gestaltet sich die Situation bei den unzähligen Abbauprodukten, in die Medikamente im Körper zerfallen.

Zudem existieren noch immer keine offiziellen Grenzwerte für die Kontamination von Trinkwasser durch Medikamente. Die US-amerikanischen Behörden für Umweltschutz (EPA) und Lebensmittel- und Arzneimittelsicherheit (FDA) haben eine Einführung bis heute versäumt – ähnlich wie in Deutschland. Nicht zuletzt deswegen entwickelt sich auch kein Problembewusstsein für die kritische Situation weltweit.

Zwar wird die Verschmutzung des Wassers heute in Größenordnungen von »Teile pro Million« (0,0001%) oder gar »Teile pro Milliarde« (0,0000001%) gemessen, trotzdem aber kann niemand mit Sicherheit sagen, welchen Belastungen die Menschen konkret ausgesetzt sind. Unter anthroposophischen Gesichtpunkten dürften auch extrem niedrige Konzentrationen im Wasser keinesfalls unterschätzt werden. Denn auch stark verdünnte Substanzen bleiben durch die Fähigkeit des Wassers, Informationen zu speichern, wirksam.

Vom Wirkstoff der Antibabypille (EE2) beispielsweise reichen winzigste Mengen aus, um die Fruchtbarkeit bestimmter Fischarten herabzusetzen. Manche Weichtiere wechseln aufgrund der EE2-Belastung sogar ihr Geschlecht. Fachleute rätseln schon lange, ob auch die beobachteten Langzeitphänomene der letzten Jahrzehnte wie zum Beispiel der Rückgang der Spermienanzahl bei Männern oder die immer früher einsetzende Pubertät von Kindern etwas mit der Allgegenwart von Hormonen zu tun haben könnten.

Anhand der Barbiturat-Konzentration in Flüssen konnte vor kurzem in Hessen festgestellt werden, dass synthetische Medikamente in der Natur nur schwer bis gar nicht abbaubar sind. Barbiturate sind Beruhigungsmittel, die vor allem in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts häufig verschrieben wurden. Aufgrund der von ihnen ausgehenden Suchtgefahr wurde ihre Verwendung Anfang der 70er Jahren drastisch eingeschränkt. Dennoch können sie noch heute in der Umwelt nachgewiesen werden, wie beispielsweise von Professor Knepper (Hochschule Fresenius) in der Mulde, einem Nebenfluss der Elbe. Das allmähliche Anreichern verschiedener Arzneimittelaltlasten zu einem gefährlichen Medikamenten-Cocktail bereitet Forschern in aller Welt große Sorge.

Hauptverantwortung tragen Pharmakonzerne, Krankenhäuser und Verbraucher

Die unsachgemäße Entsorgung von Arzneimittel ist kein Kavaliersdelikt. Dennoch leert einer aktuellen Erhebung zufolge knapp die Hälfte der Verbraucher Medikamente zumindest gelegentlich ins Klo. Ohnehin scheiden Menschen, die Medikamente einnehmen, diese zu einem Teil unverändert oder in Form von Arzneistoff-Metaboliten wieder aus. Langfristig sei die Entwicklung einer ökologisch gerechten „grünen Medizin“ daher unumgänglich, so die Meinung vieler Experten.

Zudem gehört es zur alltäglichen Praxis von Krankenhäusern, jährlich Millionen Kilogramm ungebrauchter Medikamente in die Kanalisation zu schütten. Dieses Vorgehen trägt ganz erheblich zur Wasserverschmutzung bei. Gleich tun es ihnen die Pharmakonzerne, die große Mengen ihrer Erzeugnisse ebenfalls in die Kanalisation entsorgen. 2008 hatte die Nachrichtenagentur AP recherchiert, dass an die 123 Millionen Kilogramm pharmazeutischer Abfälle jedes Jahr allein in den USA in die Gewässer abgelassen werden.

Aber das lebensnotwendige Wasser wird nicht ausschließlich in den Industriestaaten durch den Abfall der Pharmaindustrie verseucht. Nach Berichten von Wissenschaftlern sind vor allem in Entwicklungsländern und Tigerstaaten Gewässer mit gefährlichen Arzneimittelrückständen kontaminiert. In einem indischen Fluss beispielsweise, in den 90 Pharmabetriebe ihre Abfälle einleiten dürfen, wurden 20 wirksame Arzneimittelbestandteile nachgewiesen, und dies, nachdem das Wasser angeblich von den Pharmaunternehmen vor der Einleitung gereinigt worden war. In einen anderen Fluss wurde täglich eine so große Menge an Ciprofloxacin, ein hochwirksames Antibiotikum, ausgebracht, dass man damit 90000 Menschen hätte behandeln können.

Durchschnittlich liegt die Verschmutzung durch Medikamente in indischen Flüssen um das 150-fache höher als in amerikanischen Gewässern. Dieser Umstand offenbart das schamlose und unverfrorene Vorgehen der Pharmabranche, die Arzneimittelrückstände in das Trinkwasser ablässt, solange sie dabei unbehelligt bleibt. In der Öffentlichkeit wird anschließend behauptet, die Kontamination mit Medikamenten stelle gar keine Gefahr für Mensch und Umwelt dar.

Dabei kam es schon einmal wegen unsachgemäßen Umgangs mit Medikamenten in Asien zur Katastrophe. Mehrere zehn Millionen Greifvögel starben qualvoll. In ihren Körpern fand man Rückstände von Diclofenac, dem Wirkstoff des Schmerzmittels Voltaren. Wahrscheinlich stammte es aus Rinderkadavern, die die Vögel zuvor gefressen hatten. In Indien, Pakistan und Nepal verfütterte man das Mittel jahrelang in großen Mengen an Tiere. Mittlereile sind deswegen drei Geierarten fast ausgerottet. “Es ist der erste erwiesene Fall, in dem ein pharmazeutisches Produkt eine ökologische Katastrophe solchen Ausmaßes verursacht hat”, stellte Lindsay Oaks von der Washington State University 2004 anlässlich der Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse im Fachblatt Nature fest.

Amerika und Europa drohen ähnliche Schicksale, wenn nicht endlich Druck auf die Politik ausgeübt wird, das skandalöse Geschäftsgebaren der großen Pharmakonzerne gesetzlich zu regulieren. Und auch transnational agierende Unternehmen müssen zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie die Wasserversorgung anderer Länder – wie etwa die Indiens – verschmutzen. Die Natur kennt keine Grenzen, und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis uns unsere eigenen Fehler einholen. In Indien spricht man in diesem Zusammenhang vom Karma, dem Gesetz von Ursache und Wirkung, in geistiger wie in physischer Hinsicht. Die schlimmsten Fehler sind dabei jene, die einem selbst nie bewusst waren.

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