Womit süßen Sie Ihren Kaffee bzw. Tee? Mit Zucker oder mit Süßstoff? Beides könnte bald der Vergangenheit angehören! Denn die EU-Kommission prüft gerade die Freigabe des Zuckerersatzstoffes Steviosid, einem Extrakt der Stevia-Pflanze. 300mal süßer als Zucker soll der sein, blutdrucksenkend wirken, die Entstehung von Zahnbelag und Karies verhindern, und dabei völlig kalorienfrei daher kommen. Ab 2011 könnte die Zulassung erfolgen.
Bei gesundheitsbewussten Verbrauchern sind raffinierte Rüben- und Rohrzucker in den letzten Jahren stark in Verruf geraten. Zu sehr belasten sie die Bauchspeicheldrüse, die hohe Mengen Insulin produzieren muss, um den Blutzuckerspiegel wieder in den Normalbereich abzusenken. Und kurz darauf folgt die nächste Heißhungerattacke, verursacht durch zuviel Insulin im Blut. Fettleibigkeit und Diabetes sind die Folgen dieses Teufelskreises.
Künstliche Süßstoffe sind nicht besser! Denn ihnen werden ebenfalls gesundheitsschädliche Nebenwirkungen nachgesagt. Die meisten Menschen meiden Süßstoffe ohnehin intuitiv. Wer will seinem Körper auch schon rein chemische Substanzen zuführen? Und jetzt kommt also Steviosid als neues Wundermittel. Was verbirgt sich dahinter?
Steviosid – Heilmittel oder Krankmacher?
Indianer im Grenzland zwischen Brasilien und Paraguay süßen ihre Kräutertees seit Jahrhunderten mit den zerstoßenen Blättern der Stevia rebaudiana Bertoni. Sogar Heilkräfte werden der Pflanze dort zugesprochen. Bei uns jedoch war sie als Nahrungsmittel bisher verboten. Einer Studie aus den 1980er Jahren folgend soll sie nämlich Krebs hervorrufen.
Dass gerade die Süßstoffindustrie letztere Erkenntnis finanzierte, verwundert dabei nicht besonders. Schließlich will ein jeder sein Revier verteidigen. In entsprechenden Tierversuchen wurden Ratten so hohe Mengen Steviosid verabreicht, dass ein Erwachsener täglich mehr als die Hälfte seines Körpergewichts an frischen Stevia-Blättern zu sich nehmen müsste, um auf eine vergleichbare Konzentration zu kommen. Dabei wäre die gleiche Menge an Zucker oder künstlichem Süßstoff wesentlich gefährlicher.
In Asien, wie beispielsweise Japan, gehört die Stevia-Pflanze seit den siebziger Jahren wie selbstverständlich zum Alltag. Mit einem aktuellen Marktanteil von 40% bei den Süßstoffen, konnten noch nie gesundheitsschädliche Auswirkungen auf den Menschen beobachtet werden. Hierzulande waren Stevia-Produkte bisher nur in Bioläden und Reformhäusern unter Tarnlabels wie “Badezusatz” oder „Tiernahrung“ erhältlich.
Steviosid – warum gerade jetzt?
Wenn man wissen will, warum Steviosid gerade jetzt erlaubt wird, muss man sich fragen, wer davon profitiert und wer nicht? Dem Verbraucher hätte die Legalisierung der Stevia-Pflanze bisher sicherlich am meisten genutzt. Doch die großen Nahrungsmittelkonzerne zeigten wenig Interesse an einer kommerziellen Produktion, weil auf eine seit Jahrhunderten bekannte Pflanze kein Patent angemeldet werden kann. Jeder darf sie anbauen und vermarkten.
Mittlerweile scheinen die Lebensmittelriesen aber auf den Trichter gekommen zu sein. Die Lösung gestaltet sich so einfach wie perfide: Man isoliert die Süßstoffe der Stevia-Pflanze auf chemischem Wege und meldet auf die angewandten Verfahren eine Reihe von Patenten an. Die Pflanze selbst bleibt als Lebensmittel weiterhin verboten, die chemisch gewonnenen Bestandteile hingegen werden zugelassen. Anschließend vermarktet man die neuen Produkte als altindianisches Heilmittel, und schon fließen die Millionen.
Nur die wahren Stevia-Freunde, die schlicht das grüne Blatt lieben, sind mit dieser Vorgehensweise unzufrieden. Denn was uns in den nächsten Jahren als süßendes Naturprodukt serviert wird, hat mit Natur nur noch wenig zu tun. Die Stevia-Blätter aber bleiben bis auf Weiteres Badezusatz und Tierfutter.


